
Flieg doch mal wieder von Hannover nach Funchal
Es gibt Inseln, die man sich nicht wirklich vorstellt, bis man dort ist – und dann kann man sich nicht mehr vorstellen, sie nicht zu kennen. Madeira ist so eine Insel. Funchal, ihre Hauptstadt, liegt in einem natürlichen Amphitheater aus Vulkanhängen, die steil ins Meer fallen, und wenn man zum ersten Mal aus dem Flugzeug schaut und diese Kulisse sieht – das Grün, das Blau, die weißen Häuser, die sich den Hang hinaufziehen wie Spielzeugwürfel – dann versteht man sofort, warum Menschen, die einmal hier waren, immer wieder zurückkommen. Madeira ist keine Insel, die laut ist. Sie ist still auf die schönste Art. Und von Hannover aus ist sie näher, als viele denken.
Der Weg dorthin – mitten in den Atlantik, in unter vier Stunden
Madeira liegt im Atlantischen Ozean, rund 900 Kilometer westlich der marokkanischen Küste und fast 1.400 Kilometer von Lissabon entfernt. Politisch ist sie portugiesisches Territorium – eine autonome Region, mit einer eigenen Identität, einem eigenen Tempo und einer Küche, die sich von der des Festlandes deutlich unterscheidet. Geografisch ist sie ein Vulkan, der aus dem Meer ragt und dessen Gipfel bis auf fast 1.900 Meter ansteigt.
Die Luftlinie von Hannover nach Funchal beträgt rund 3.150 Kilometer. Die reine Flugzeit liegt bei etwa drei Stunden und 45 Minuten bis vier Stunden. Man startet in Hannover-Langenhagen und landet auf dem Aeroporto da Madeira – Cristiano Ronaldo International Airport – ja, der Flughafen trägt den Namen des berühmtesten Sohnes der Insel – der auf einer künstlich verlängerten Landebahn über dem Meer liegt und zu den beeindruckendsten Landeanflügen Europas gehört. Wer am Fenster sitzt, vergisst kurz, dass er gerade landet.
Die Zeitverschiebung nach Funchal beträgt eine Stunde – Madeira liegt in der westeuropäischen Zeitzone, wie auch Portugal und die Kanaren. Man gewinnt eine Stunde auf dem Hinflug. Und verliert sie beim Rückflug, aber da ist man dann sowieso in einem Zustand, in dem eine Stunde mehr oder weniger keine große Rolle mehr spielt.
Funchal – eine Stadt, die nach oben wächst
Funchal ist keine große Stadt – knapp 110.000 Einwohner –, aber sie ist eine, die einen sofort hat. Das liegt am Hang. Die Stadt verteilt sich auf Terrassen, die sich vom Hafen aus nach oben ziehen, und jede Ebene hat ein anderes Tempo, eine andere Atmosphäre. Unten: der Hafen, die Avenida do Mar, die Promenade, das Gewimmel der Kreuzfahrtschiffe und kleinen Fischerboote. Oben: Stille, Gärten, Aussichtspunkte mit Blicken, die man nicht fotografieren kann, weil kein Foto das tatsächliche Gefühl davon einfängt.
Die Altstadt von Funchal – die Zona Velha – liegt östlich des Zentrums und hat eine Eigenart, die man sofort mag: Die Türen der Häuser sind hier von Künstlern bemalt worden, jede anders, jede eine kleine Geschichte für sich. Man läuft durch Gassen, die nach Fisch und Blumen riechen, schaut auf Türen wie auf Ausstellungsstücke und landet irgendwann auf einem kleinen Platz mit einem Café, das aussieht, als hätte es sich seit fünfzig Jahren nicht verändert. Das ist gut gemeint.
Der Mercado dos Lavradores – ein Markt, der Farbe hat
Wer einen Vormittag in Funchal verbringt und nicht zum Mercado dos Lavradores geht, hat etwas verpasst. Der Bauernmarkt im Herzen der Stadt ist einer der schönsten überdachten Märkte Europas – nicht wegen seiner Architektur, die mit blauen Azulejo-Kacheln ausgekleidet ist und durchaus beeindruckend ist, sondern wegen dem, was drinnen passiert.
Blumen, die so groß und farbenfroh sind, dass sie fast unwirklich wirken – Strelitzien, Orchideen, Proteas. Früchte, die man aus Europa nicht kennt: Anona, Maracuja, Tamarillo, Pitanga. Und Fisch. Der Espada – der Degenfisch, ein schwarzes, tiefseebewohnendes Tier mit riesigen Augen, das in Madeiras Gewässern in Tiefen von bis zu tausend Metern gefangen wird – liegt in langen Reihen auf dem Eis und ist das charakteristischste Produkt der Insel. Wer ihn noch nicht gegessen hat, tut das am besten hier, und zwar bald.
Die Levadas – eine Insel zu Fuß
Madeira hat etwas, das keine andere Insel in Europa in dieser Form hat: die Levadas. Das sind schmale Wasserkanäle, die über Jahrhunderte in die Hänge der Insel gehauen wurden, um Wasser aus dem regenreichen Norden in den trockeneren Süden zu leiten. Sie ziehen sich über das gesamte Inselinnere, insgesamt mehr als 2.000 Kilometer, und entlang vieler dieser Kanäle führen Wanderwege, die so schmal, so gut beschaffen und so atemberaubend schön sind, dass Madeira als eines der besten Wanderziele Europas gilt.
Die Levada do Caldeirão Verde führt durch Lorbeerwälder, die zum UNESCO-Weltnaturerbe gehören. Die Levada das 25 Fontes endet an einem versteckten Wasserfall in einer Felsengrotte. Die Levada do Rei im Norden der Insel verläuft durch Bambushaine und prähistorisch wirkende Vegetation. Wer wandert, braucht gutes Schuhwerk, eine Stirnlampe für die Tunnel – ja, manche Levadas führen durch echte Felsentunnel – und die Bereitschaft, für ein paar Stunden vollständig aus der Welt herauszufallen.
Cabo Girão – und das Gefühl, am Rand der Welt zu stehen
Etwa 15 Kilometer westlich von Funchal liegt das Cabo Girão – einer der höchsten Meeresklippen Europas, fast 600 Meter senkrecht über dem Atlantik. Auf dem Gipfel gibt es einen Glasbodenbalkon, der über den Abgrund hinausragt, und man steht dort und schaut durch das Glas auf das Meer weit unten und auf die kleinen Weinbergterrassen, die sich an den Klippen festhalten, als hätten sie keine andere Wahl. Das ist ein Moment, der etwas mit einem macht. Schwer zu sagen, was genau – aber man erinnert sich daran.
Was man essen und trinken sollte
Die madeirische Küche ist eine Küche der Insel – bodenständig, sättigend und in ihrer besten Form außerordentlich gut. Der Espetada, ein Spieß aus grobem Rindfleisch, mariniert mit Knoblauch und Salz und über Lorbeerzweigen gegrillt, ist das Nationalgericht der Insel und in einer guten Berggaststätte eine der befriedigendsten Mahlzeiten, die man sich vorstellen kann. Der Bolo do Caco, ein rundes, flaches Brot, das auf einem Vulkanstein gebacken wird und warm mit Kräuterbutter serviert wird, ist das, was man zu allem isst und irgendwann anfängt zu vermissen, sobald man wieder zuhause ist.
Und dann ist da noch der Madeira-Wein – einer der eigenartigsten und interessantesten Weine der Welt, oxidiert und hitzebehandelt auf eine Art, die ihn praktisch unzerstörbar macht und ihm Aromen gibt, die zwischen Karamell, Nüssen, Trockenfrüchten und Salz pendeln. Man trinkt ihn nicht wie Wein. Man trinkt ihn wie eine Geschichte.
Wann ist Funchal am besten?
Madeira wird das „Insel des ewigen Frühlings“ genannt – und das hat seinen Grund. Die Temperaturen sind das ganze Jahr über mild, zwischen 17 und 24 Grad, der Regen kommt hauptsächlich im Winter und meistens kurz. März und April sind besonders schön, wenn die Insel in Blüte steht und das Licht weich und golden ist. Oktober und November sind ruhig, warm und fast ohne Touristen. Und der Silvesterabend in Funchal ist eines der größten Feuerwerk-Spektakel Europas – wer das einmal gesehen hat, versteht, warum manche Menschen extra dafür fliegen.
Knapp vier Stunden ab Hannover. Eine Stunde gewonnen. Und am anderen Ende: ein Vulkan im Atlantik, der grüner ist als alles, was man erwartet hat, und der einen so sanft empfängt, dass man gar nicht merkt, wie sehr man ihn schon vermisst hat – bevor man überhaupt wieder weg ist.
Flieg hin. Am besten im April, wenn die Levadas in vollem Wasser sind. 🌺🍷🌊
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